Theologische Grundlegung für einen ökumenisch offenen Gemeindenbund –
von Rudolf Schwerendt
Dieser Vorschlag stützt sich auf Aussagen des neutestamentlichen Epheserbriefes
und der Kirchenaussage des die Christen verbindenden Glaubensbekenntnisses von Nizäa-Konstantinopel (380).
„Christus gab den einen das Apostelamt,
andere setzte er als Propheten ein,
andere als Evangelisten,
andere als Hirten und Lehrer,
um die Heiligen für die Erfüllung ihres Dienstes zu rüsten,
für den Aufbau des Leibes Christi.“
Epheserbrief 4,11–12 (Einheitsübersetzung)
Mit vielen Kirchen und christlichen Gemeinschaften auf der Welt
bekennt die Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg-Schlesische Oberlausitz
die eine heilige katholische (allgemeine) und apostolische Kirche
und weiß sich mit ihnen dieser Kirche zugehörig.
Diesen Glaubenssatz in die gegenwärtigen Lebensprozesse hinein zu verwirklichen ist uns aufgetragen.
-
Die Einheit der Kirche verstehen wir nicht als einen einheitlichen Zentralismus
noch als das Einerlei kirchlicher Gestaltung.
Nach der Heiligen Schrift (Eph. 4,3–5) wahren wir die Einigkeit im Heiligen Geist durch das Band des Friedens.
Wir sind in den einen Leib des Herrn Jesus Christus durch die eine Taufe eingefügt.
Wir sind berufen zu einer gemeinsamen Hoffnung für alle Menschen,
die sich in der Erscheinung des Reiches Gottes erfüllt.
So sind wir Kinder des einen Gottes und Vaters.
Die Einheit der Kirche zu bewahren ist den „Hirten und Lehrern“ anvertraut,
den Hirten in den ihnen anvertrauten kirchlichen Bereichen,
den Lehrern im Dienst an der Lehre der weit verzweigten Wahrheit des einen Evangeliums.
-
Die Dimension der Heiligkeit der Kirche ist für uns neu zu entdecken.
Die heilige Kirche steht unter dem Eigentumsrecht des heiligen Gottes,
d.h. sie gehört nicht uns und auch nicht denen,
die in den Kirchen und christlichen Gemeinschaften Ämter oder Vorsitze innehaben.
Was diesem göttlichen Eigentumsrecht in unseren kirchlichen Menschensatzungen entgegensteht,
müssen wir deshalb auf dem Prüfstand stellen.
Nach dem vielfältigen Zeugnis der Bibel gehören alle getauften Christen zur Gemeinschaft der Heiligen
und bilden eine Kontrastgesellschaft zur sie umgebenden Welt.
Zur Erfüllung ihres Dienstes am „Aufbau“ des Leibes Christi
hat der dreieinige Gott vielfältige Gaben gegeben (vgl. 1. Kor. 12,4ff).
Die Heiligkeit der Kirche zu bewahren und zu fördern
ist den verschiedenen Begabungen des Heiligen Geistes anvertraut,
unter ihnen besonders den prophetischen Diensten.
-
Die Katholizität der Kirche kommt zur Entfaltung,
wenn das ganze Evangelium allen Menschen nahe gebracht wird:
den Armen und Reichen,
den Frauen und Männern,
den Schwachen und Starken,
den Gesunden und vor allem den Kranken.
So werden alle Menschen an den „katholischen“ Reichtümern Gottes teilhaben.
Die Katholizität wird verletzt,
wenn sie von einer bestimmten Kirche in alleinigen Besitz genommen wird,
sie seien katholisch oder evangelisch oder freikirchlich.
Im Lauf des 20. Jahrhunderts ist durch die weltweiten Missionsgesellschaften die ökumenische Bewegung entstanden.
Allmählich wurden viele Kirchengründungen auf allen Kontinenten als staatskirchliche Kolonisationen erkannt
und teilweise zurück gedrängt und zurückgenommen.
Wenn wir die Katholizität der Kirche beachten,
können wir heute zu einem segensreichen Austausch kommen:
„Die Christen in Europa beispielsweise haben viel von den Kirchen in anderen Erdteilen zu empfangen.
Als Gegengabe für all das, was diese Kirchen von Europa erhalten haben,
können sie ihm heute eine Frische des Evangeliums bringen.“
(Frère Alois, Aufruf zur Versöhnung der Christen, vom 30.12.2007 in Genf).
Die Katholizität der Kirche zu wahren ist allen christlichen Gemeinschaften und Strömungen anvertraut,
den verschiedenen geschichtlich gewachsenen kirchlichen Gestaltungen
unter den freien und den unterdrückten Völkern
sowie in den konfessionellen, evangelikalen und charismatischen Weisen der Nachfolge Jesu Christi.
-
Die Apostolizität betont den Sendungsauftrag der Kirche.
Dieser Auftrag geht zurück auf die messianische Sendung Jesu Christi an Gottes erwähltes Volk Israel.
Die in seine Nachfolge gerufenen Jünger und Jüngerinnen empfingen den Auftrag,
die Kirche überall ins lebendige Dasein zu rufen.
Das einmalige Amt der Apostel des Urchristentums
wurde durch göttliche Berufung mit Handauflegung weitergetragen
in eine Fülle von historisch gewachsenen kirchlichen Diensten und Ämtern.
So entstand in der frühen Christenheit das apostolische Erbe,
das nach langem Ringen einmütig in den neutestamentlichen Schriften
und den ihnen einverleibten Schriften des Ersten Bundes als Heilige Schrift gesammelt und bewahrt wurde.
Durch den apostolischen Sendungsauftrag hat der dreieinige Gott
christliche Kirchen in allen Erdteilen entstehen lassen.
Dafür hat er die christlichen Mitarbeiter mit vielfältigen Begabungen ausgerüstet.
Heute müssen wir uns fragen lassen, wieweit die apostolische Sendung
in unserer Kirche und unseren Gemeinden angemessen verwirklicht wird in einer gemeinsamen Haushaltung Gottes.
Die Wahrung der Apostolizität ist den berufenen Vertretern des ganzen Volkes Gottes anvertraut.
Die vielerlei Dienste in der Kirche Gottes haben
das apostolische Erbe im überlieferten Wort der Heiligen Schriften treu weiter zu geben
an alle erreichbaren, von Gott geliebten Menschen.
Die eine heilige katholische und apostolische Kirche ist eine Gründung des dreieinigen Gottes.
Nach dem Neuen Testament stellt die christliche Kirche in Kontinuität mit dem erwählten Volk der Juden
das Volk oder die Ekklesia Gottes dar.
Sie ist aber auch der Leib Christi.
Der Apostel Paulus entfaltet diesen hohen Kirchennamen im Blick auf die Kirche vor Ort,
indem er auf die vielfältigen Begabungen des dreieinigen Gottes für jeden einzelnen Christen verweist:
im 1. Korinterbrief, Kap. 10–12.
Im Epheserbrief aber bezeichnet der Leib Christi durchgängig das Verhältnis der Gesamtkirche zu Christus:
die untrennbare Zusammengehörigkeit,
die Unterordnung des Leibes unter das Haupt Christus,
den wirksamen Ursprung des „Wachstums“ der Kirche und das Ziel dieses „Wachstums“,
die Überordnung Christi als des Geliebten und die Einheit des Leibes
(vgl. H. Schlier, Epheserbriefkommentar, 1971, Exkurs S. 90).
Und sie wird in dieser Welt erbaut als ein Tempel des Heiligen Geistes,
in dem auch jeder einzelne Christ als lebendiger Stein eingefügt ist
zu einer „Wohnung“ Gottes im Geist (Eph 2,22).
Dieses neutestamentliche Kirchenverständnis fordert
die von Betreuungsstrukturen geprägten Kirchengemeinden der evangelischen Landeskirchen heraus zu einem Umdenken.
Wir werden wieder Wachstum erfahren, wenn alle Glieder am Leben der Gemeinde teilhaben und sich einbringen.
Dafür wird eine grundlegend neue Erarbeitung der Aufgabenstellung des traditionellen evangelischen Pfarramtes benötigt:
Christen in den Gemeinden werden befähigt, ihre Charismen zu entdecken und einzubringen..
Der Segen des Dreieinigen Gottes will und soll alle in der universalen Kirche
wie in den Gemeinden vor Ort erreichen
und mit ihnen als „Kirche für Andere“ auch die Menschen an den Rändern und außerhalb der Kirche.