Theologie
„Was ist Gemeinde?“
Vortrag vor der Kreissynode Lehnin-Belzig am 5.April 2008
von Pfarrer Klaus-Gerhard Reichenheim, St.Marien – Hoher Fläming, Belzig
Liebe Synodale,
meine Aufgabe ist es heute, Ihnen die Frage zu beantworten:
Was ist Gemeinde?
Diese Frage steht im Spannungsfeld von schon eingeleiteten Strukturveränderungen
im Bereich der EKD und damit auch unserer Landeskirche,
mit denen wir als Kirchenkreis Lehnin-Belzig schon direkt zu tun haben.
Bei meiner Beschäftigung mit dieser Frage habe ich erkannt,
dass es nicht reicht zu fragen „Was ist Gemeinde?“,
sondern auch zu fragen ist: „Wie kann sich Gemeinde in Zukunft gut entwickeln?“
Von einem bibeltheologischen Verständnis von Gemeinde ausgehend wäre
nach der Wahrnehmbarkeit von Gemeinden in der Parochie
und deren Möglichkeiten und Grenzen in unserer Situation zu fragen,
um dann am Schluss zu konkreten Handlungsimpulsen zu kommen.
Dies würde aber das angekündigte Kurzreferat sprengen.
Ich kann Ihnen heute nur andeuten,
dass dies eine lohnende und wichtige Aufgabe ist,
gerade auch im Hinblick auf die bevorstehenden Fusionsvorbereitungen
für unseren Kirchenkreis und seine einzelnen Regionen.
Bei der Beschäftigung mit diesem Themenzusammenhang geht es darum,
auftragsgemäße Maßstäbe zu finden, die in die Zukunft weisen, weil sie dem entsprechen,
wie der Dreieinige Gott sich seine Gemeinde gedacht hat.
Dabei gilt es zwei Fragestellungen zusammen zu sehen und deren Spannungen auszuhalten:
Die erste Frage: Was ist Gemeinde?
Was kann oder sollte von den biblischen Maßstäben her
in und mit der Ortsgemeinde heute geschehen?
Die zweite Frage: Wie können die Ortsgemeinden im System der Landeskirchen so geleitet werden,
dass sie ihrem Auftrag und ihrer Verantwortung nachkommen?
Diese zweite Fragestellung berührt auch Inhalte der Kirchenordnung,
des internen Kirchenrechtes,
sowie des Staatskirchenrechts
und nimmt direkt Bezug auf die aktuellen Perspektivpapiere,
z.B. das EKD Papier „Kirche der Freiheit“
und die daraus erwachsene Diskussion um die zukünftige Bedeutung der Ortsgemeinde
und deren Stellung gegenüber Profilgemeinden und netzwerkorientierten Angeboten.
Die Inhalte der zweiten Fragestellung
werden uns zu einem späteren Zeitpunkt beschäftigen.
Nun lade ich Sie dazu ein, dass wir uns jetzt Zeit nehmen
und versuchen, Antworten zu finden auf die Frage „Was ist Gemeinde?“
aus bibeltheologischer Sicht.
Was ist Gemeinde?
1. Orientierung an der Heiligen Schrift
Vom evangelischen Standpunkt aus tun wir gut daran,
Orientierung zuallererst in der Bibel zu suchen
und auch die Maßstäbe für kirchliches Handeln aus ihr zu entwickeln.
Dies liegt nahe, weil Gott in der Heiligen Schrift durch Menschenmund mit uns spricht,
und zwar in der Kraft des Heiligen Geistes.
Die Bibel hat eine durch und durch menschliche und geschichtliche Gestalt.
Aber weil Gott durch eben diese Gestalt mit uns spricht,
ist die Heilige Schrift nicht nur ein antikes Dokument,
von dem uns ein garstiger Graben von 2000 Jahren trennt.
Vielmehr dürfen wir davon ausgehen,
dass Gott mit den Worten der Heiligen Schrift zu einer Zeit,
als wir noch nicht gelebt und geglaubt haben,
für uns und zu uns gesprochen hat
und dies auch weiterhin tut.
(Römer 5,6–8;
vgl. Stuhlmacher,
Kirche nach dem Neuen Testament,
in Theologische Beiträge 95.6)
2. Der Begriff
Gemeinde ist kein ursprünglich christlicher Begriff,
sondern kann in ganz verschiedenen Wortverbindungen ganz weltlicher Art auftauchen:
Bürgergemeinde, Schulgemeinde usw.
Gemeinde meint ursprünglich das, was allen gemeinsam zukommt und zugänglich ist,
hat also einen sachlichen Ursprung, wie das Wort Gemeinschaft.
Im christlichen Sprachgebrauch setzt sich „Gemeinde“ besonders stark durch,
nachdem Martin Luther das griechische Wort „ekklesia“
konsequent durch „Gemeinde“ übersetzt,
weil er das Wort „Kirche“ für ein blindes undeutliches Wort hält.
Trotzdem lassen die Reformatoren dem Wort „Kirche“ sein begrenztes Recht,
sodass eine sich gegenseitig ergänzende Rede von Kirche und Gemeinde entsteht.
Im Begriff „Kirche“ kommt die Universalität,
sowie die rechtliche, institutionelle, geschichtliche und räumliche Gestalt
der christlichen Gemeinde zur Sprache.
Im Begriff „Gemeinde“ kommt die persönliche,
als Versammlung und Gemeinschaft im Evangelium sich ereignende,
lokal begrenzte Gestalt von Kirche zur Sprache:
„Gemeinde“ als Ausdruck für die örtliche Gemeinschaft
von Christen mit allen konkreten Lebensbezügen,
also das pralle Leben mit Freud und Leid, Krankheit, Not und Konflikten und
der Umgang damit als Christ.
(vgl. Christian Möller, Reader Praktische Theologie, Art. Gemeindeaufbau)
Wollen wir fragen, was Gemeinde nach dem biblischen Zeugnis ist,
und die Ergebnisse dann in Beziehung setzen zu unserer heutigen Situation,
dann stoßen wir auf eine Spannung.
Seit dem 4. Jahrhundert nach Christus haben sich die Kirchen
zu Staats- und Volkskirchen entwickelt,
die nun aber durch den Druck von Zahlen genötigt sind,
ihre weit verzweigten Strukturen zum Teil abzubauen.
Die Differenz zwischen den Formen von Gemeinde im Neuen Testament
und den früh- und spätmittelalterlichen
sowie neuzeitlichen volkskirchlichen Großorganisationen ist enorm.
Der Theologe und Religionsphilosoph Ernst Troeltsch hat
zu Beginn des 20. Jahrhunderts diesen Unterschied zwischen einer Zeit ausgedrückt,
als die Gemeinde Jesu noch ganz am Anfang stand,
und der Entwicklung, die seit dem 4. Jahrhundert einsetzt.
Er hat gesagt:
„Was das Neue Testament unter Kirche versteht,
ist nach heutigem Maßstab nur eine endzeitlich-elitäre Sektenbildung,
und was heute als Kirche gilt,
lässt sich mit neutestamentlichen Begriffen nicht mehr angemessen beschreiben.“
Der Begriff „elitär“ beschreibt nicht zutreffend,
wie damals die Schwestern und Brüder ihr Christsein gelebt haben, aber dazu später.
3. Der Anfang
Die zwölf Jünger Jesu werden von Jesus in die Welt gesandt
(Matth. 28,16–20)
mit einem konkreten Auftrag.
Zu dem Kreis der zwölf Jünger gehörten noch die Männer und Frauen,
die Jesus begleitet hatten.
Sie sind ihm nachgefolgt, haben mit ihm ihr Leben geteilt
und bilden nach Pfingsten die Urgemeinde.
Die Geschwister im Glauben an den gekreuzigten und auferstandenen Jesus Christus
grüßen uns von Ferne aus den Briefen des Neuen Testamentes,
wo wir erfahren, wie sie der Sendung Jesu entsprochen haben.
Wir hören vom Christsein, als alles erst am Anfang war.
Und wir können nur staunen, wie aus einer kleinen Zahl von Jüngern
sich die weltweite Kirche entwickelt hat und das Evangelium von Jesus Christus
heute an die entlegensten Gebiete dieser Erde gekommen ist.
Zu Beginn des 2. Jahrhunderts nach Christus betrug die Gesamtzahl der Christen
innerhalb des Römischen Reichs wahrscheinlich weniger als 50.000 –
eine winzig kleine Zahl in einer Gesellschaft von 60 Millionen!
Die Bibel berichtet uns von unterschiedlichen Gemeindeformen:
der Urgemeinde in Jerusalem, der Missionsgemeinde in Antiochien
und schließlich von den Gemeindegründungen durch den Apostel Paulus:
Korinth, Rom, Thessalonich, die Gemeinden in Galatien, der heutigen Türkei.
Alle diese Gemeinden bestanden aus familiären Kleingruppen,
die sich in ihren Privathäusern trafen
und so auch die ersten drei Jahrhunderte von Christenverfolgungen überlebt haben
und dabei beständig gewachsen sind.
Nach meiner Meinung wird die Bedeutung des Privathauses
für das zukünftige Leben der Ortsgemeinden in flächenmäßig großen Gebieten
wieder ganz natürlich an Bedeutung gewinnen.
Grundelemente der Gemeindepraxis, des gemeindlichen Lebens sind Folgende:
-
Die Lebensweise einer Gemeinschaft mit Jesus, die alles teilt.
Die Berufung zur Nachfolge Jesu reißt aus alten Verhältnissen heraus:
„Wandelt der Berufung würdig, mit der ihr berufen seid.“
(Eph. 4).
Christ sein wird als Berufung gelebt.
-
Die Ausrichtung auf die Person Jesus Christus, er ist die Mitte.
Er ist der Herr und Auftraggeber:
Geht hin –
verkündigt die Nähe der Herrschaft Gottes –
heilt und befreit. (Matth. 10)
-
Sie erleben ihr Miteinander als Zusammenwachsen zu einer neuen Familie, der Familie Gottes.
„Wer den Willen Gottes erfüllt,
der ist für mich Bruder und Schwester und Mutter.“
(Markus 3,35)
-
Das Miteinander ist geprägt durch emsige und ausdauernde Beschäftigung
mit der Lehre der Apostel, dem Brechen des Brotes (Abendmahl) und Gebeten.
(Apg. 2,42)
-
Sie erleben neue Sozialbeziehungen als bewusste Alternative zur alten Gesellschaft.
„Wer bei euch groß sein will, der soll euer Diener sein,
und wer unter euch der erste sein will, der soll der Sklave aller sein.“
(Markus 10,42–44)
-
Sie leben in Freiheit vom Besitz.
(Matth. 6,25)
-
Der Kontrastlebensstil zum gesellschaftlich üblichen Verhalten
und der bewusste Gewaltverzicht und die Gastfreundschaft.
-
Dieser Kontrastlebensstil ist alles andere als elitär auf die Gemeinde bezogen,
sondern sie ist im wahrsten Sinne des Wortes Salz der Erde und Licht der Welt.
Gemeinde ist Gemeinde für die Welt.
Aber das gerade so, dass sie nicht selbst Welt wird und nicht in der Welt aufgeht,
sondern ihre eigenen Konturen behält.
(vgl. Pompe „Der erste Atem der Kirche“)
Ich werde nun an Hand von zwei Liedstrophen und eines Bildes
näher ausdrücken, was Gemeinde ist.
4. Liedstrophe aus „Jesus Christus herrscht als König“
„Jesus Christus ist der Eine,
der gegründet die Gemeinde,
die ihn ehrt als teures Haupt.
Er hat sie mit Blut erkaufet,
mit dem Geiste sie getaufet,
und sie lebet, weil sie glaubt.“
(EG 123,6)
In dieser Liedstrophe wird deutlich,
dass sich Gemeinde aus dem Willen und der Liebe Jesu versteht.
Er ist ihr Herr.
Aus Liebe zu uns Menschen hat Gott sich seinen Sohn vom Herzen gerissen,
hat ihn dahingegeben an das Kreuz,
und Jesus ist diesen Weg ans Kreuz aus Liebe zu seinem himmlischen Vater
und aus Liebe zu uns Menschen gegangen.
Worum geht es in der Gemeinde?
Die Gemeinde gibt Jesus die Ehre, ihrem Haupt.
Alles, was wir als Gemeinde tun, hat nur ein Ziel, dem Dreieinigen Gott die Ehre zu geben.
Das ist das Erste und Wichtigste:
Soli Deo Gloria – Gott allein die Ehre!
Es geht in der Gemeinde nicht zuerst um Menschen,
es geht auch nicht um Fragen wie Gemeinde sich gut entwickeln kann.
Es geht allein um den Dreieinigen Gott, Vater, Sohn und Heiligen Geist.
Diese Sicht kann eine Menge Verkrampfungen lösen
und uns in den Raum einer herrlichen Freiheit stellen.
Wir brauchen uns dann eben nicht selbst so wichtig zu nehmen!
Gott loben und ihn lieben, das steckt uns nicht in den Knochen, das schafft der Heilige Geist.
Der Geist, der aus dem Vater und dem Sohn hervorgeht,
der erleuchtet und beruft, der Gewissheit schafft,
sodass Menschen Christen werden wollen,
weil sie glauben, dass Jesus der Herr ist,
und sich taufen lassen.
„Und sie lebet, weil sie glaubt!“
Gemeinde lebt durch das Wort Gottes und dadurch,
dass Menschen diesem Wort glauben schenken
und ihr persönliches Leben als Berufung gestalten:
Ich bin als Mensch nicht gerecht vor Gott durch Werke,
wie gut sie auch sein mögen, sondern allein gerecht durch den Glauben
(Römer 4,28).
Dann kommt der Nächste in den Blick.
Das Doppelgebot der Gottes- und Nächstenliebe wird zum Kennzeichen.
Gott, um den es geht, dem geht es auch um Menschen.
Wer ihn lieb hat, hat auch die Menschen lieb.
Das eine hängt am anderen.
Es gibt zum Menschen keinen tieferen Zugang als über Gott.
Gemeinde, die in dieser Kultur der Liebe lebt,
wird auch das Leben als Gemeinde finanzieren können,
das machen uns die Freikirchen vor.
5. Ein Bild von Gemeinde
Das Neue Testament spricht in ganz verschiedenen Bildern von der Gemeinde.
Der Apostel Paulus versteht Gemeinde als Leib Christi.
Die Täuflinge werden in den bereits vor und unabhängig von ihnen bestehenden Christusleib
hinein getauft und werden durch Glaube und Taufe zu neuen Menschen.
Ich lese aus Römer 12,4ff.:
„Denn wie wir an einem Leib viele Glieder haben,
aber nicht alle Glieder dieselbe Aufgabe haben,
so sind wir viele ein Leib in Christus,
aber untereinander ist einer des anderen Glied,
und haben verschiedene Gaben nach der Gnade,
die uns gegeben ist.“
Wir dürfen in dieses Bild Erkenntnisse einzeichnen,
die die Menschen früher nicht kannten.
Sie wurden von den Christen in neutestamentlichen Zeit jedoch elementar geahnt.
Unser Leib setzt sich aus kleinsten und kleinen und größeren und großen Einheiten zusammen.
Viele verschiedene Einheiten bilden wiederum eine größere Einheit.
Trotz der Unterschiede passt alles geheimnisvoll zueinander.
Alle Einheiten bauen sich auf viele kleine Zellen auf.
Diese, so verschieden sie sind, tragen in sich eine allen gemeinsame genetische Grundinformation.
Durch diese Grundinformation wird sich der Leib –
unter normalen Wachstumsbedingungen –
in die vorgesehene Richtung entwickeln.
Krebswucherungen ergeben sich, wenn die genetische Information in den Zellen gestört ist.
Jede der Einheiten ist ein zur jeweils kleineren und jeweils größeren Einheit hin geöffnetes Gebilde.
So ist auch der Leib als Ganzer ein offenes System.
Andernfalls könnte er nicht leben.
Daraus folgt:
Der Leib ist nicht für sich selber da.
Er weist mit seinen Gaben auf seine Aufgaben.
Darüber hinaus weist er auf den Geber, der nicht nur die Gaben, der auch die Aufgaben gibt.
Übertragen wir das Bild vom Leib und seinen Gliedern auf die Gemeinde Jesu,
dann ergeben sich einfache, aber wesentliche Entsprechungen:
Erstens:
Die kleinste Einheit des Leibes Christi ist das Herz des einzelnen Christen.
Er ist nach dem Neuen Testament der Ort, an dem Christus Wohnung genommen hat:
„... dass Christus durch den Glauben in euren Herzen wohne
und ihr in der Liebe eingewurzelt und gegründet seid.“
(Eph. 3,17)
Nur aufgrund des gelebten rechtfertigenden Glaubens kann sich Gemeinde entwickeln.
Wenn das unsere Not ist,
dass diese gemeinsame Grundinformation für viele Gemeindeglieder kaum noch oder nicht mehr vorausgesetzt werden kann,
dann ist es das erste und Wichtigste,
sich der Aufgabe ganz neu zu stellen,
dass dem einzelnen Gemeindeglied die Möglichkeit gegeben wird, das Wort Gottes zu hören,
denn der Glaube kommt aus dem Hören der Verkündigung des Evangeliums
(Römer 10,17).
Zweitens:
Die nach dem Herzen des einzelnen Christen nächst größere Einheit ist der einzelne Christ selbst.
Gott hat ihm Gaben gegeben, die nicht nur ihm dienen sollen, sondern dem Ganzen.
Durch viele Glaubende Einzelne, in deren Herzen Christus geschrieben ist, baut sich die Gemeinde auf.
Es ist in der Gemeinde wie in der Natur:
Das Ganze baut sich auf den Teilen auf.
Sind die Teile gesund, so ist auch das Ganze gesund.
Wenn es jedoch in den Teilen nicht stimmt, dann stimmt auch das Ganze nicht.
Wie schnell kann der einzelne Christ durch Leid, Krankheit und Schuld aus der Bahn geworfen werden.
Gemeinde ist immer auch angefochten. Da gilt es, Geduld einzuüben.
Gerade dieses Wissen stellt jeden und jede in eine persönliche Verantwortung für das Ganze.
Drittens:
Die nach dem einzelnen Christen nächstgrößere Einheit ist die christliche Familie.
Ohne heile Familien kann auch Gemeinde nicht heil sein.
Darum sind Familienfreizeiten, Eheseelsorge, aber auch die Begleitung von Alleinstehenden so wichtig.
Viertens:
Die nach der Familie nächst größere Einheit sind die verschiedenen Gemeindegruppen und -kreise.
Sie sollten untereinander organisch verbunden sein,
über extra gestaltete gemeinsam Treffen und über die Gottesdienste.
Dabei sind Kreise mit kleiner Zahl in der Größe eines Hauskreises wichtig,
damit der einzelne Christ Geborgenheit und Angenommensein erfahren kann.
Fünftens:
Die nach den verschiedenen Gemeindegruppen nächst größere Einheit sind die Dienstbereiche.
Solche Dienstbereiche können sein:
Arbeit mit Kindern,
Jugendarbeit,
Konfirmandenarbeit,
Seniorenarbeit,
Besuchsdienst,
Diakonie etc.
Es entspricht überhaupt nicht dem Neuen Testament,
wenn diese verschiedenen Arbeitsbereiche allein in der Hand des Pfarramtes liegen.
Das bedeutet die Schulung von ehrenamtlich Mitarbeitenden durch die Hauptamtlichen.
Sechstens:
Die nach den Dienstbereichen nächst größere Einheit ist die Gemeinde in der Gesamtheit ihrer Glieder.
Dabei nimmt die Gemeinde ihre vielfältige Verantwortung wahr,
dass sie eine Gemeindeleitung hat, den Gemeindekirchenrat.
In dem Maß, wie jeder einzelne Kirchenälteste in der Nachfolge Christi lebt,
wird die Gemeindeleitung ihren Aufgaben nachkommen,
über die verschiedenen notwendigen Verwaltungsaufgaben hinaus den Sendungsauftrag
(„Machet zu Jüngern alle Völker
und lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe ...“)
der Gemeinde am konkreten Ort umzusetzen.
Siebtens:
Die nach der Gemeinde nächst höhere Einheit ist der gesamte Leib Christi.
Er begegnet den einzelnen Gemeindegliedern bereits
in der örtlichen Nachbarschaft von
Christen anderer Kirchengemeinden,
dem Kirchenkreis,
der Landeskirche und
darüber hinaus in anderen Konfessionen.
Mit dem gesamten Leib Christ ist die einzelne Gemeinde bei allen konfessionellen und kulturellen Unterschieden
zusammengeschlossen
in dem einen Herrn,
der einen Taufe,
dem einen rechtfertigenden Glauben und
dem Leben als Christ aus Berufung.
(Aus Klaus Eickhoff: Gemeinde entwickeln S. 19–20)
6. Liedstrophe
„Das sollt ihr Jesu Jünger nie vergessen:
wir sind, die wir von einem Brote essen,
aus einem Kelche
trinken Jesu Glieder,
Schwestern und Brüder.“
(EG 221, 1)
Am Heiligen Abendmahl wird hier dargestellt, was Gemeinde konstituiert:
Die gemeinsame Teilhabe am Leib und Blut Christi im Abendmahl verbindet die Christen untereinander,
macht sie zu Schwestern und Brüdern, zum Leib Christi, der Gemeinde.
So werden ganz unterschiedliche Menschen, Alte und Junge, mit unterschiedlichen Biographien,
aus unterschiedlichen sozialen Schichten mit unterschiedlichen Vorlieben und Einstellungen
verbunden mit Jesus Christus und untereinander.
In der Anteilhabe an Jesus, seinem stellvertretenden Leiden und Sterben und an der Kraft seiner Auferstehung
hat jede christliche Gemeinde ihre Wurzeln.
Darum wurde in der Urgemeinde das Heilige Abendmahl täglich und dann sonntäglich gefeiert.
„Man lasse nicht solchen großen Schatz,
den man täglich unter den Christen handelt und austeilt, umsonst vorübergehen,
das ist, dass die, die Christen sein wollen, sich dazu bereit machen,
das hochwürdige Sakrament oft zu empfangen.“
(Großer Katechismus: Von dem Sakrament des Altars,
Joh. Zimmermann in Theologische Beiträge 06.4 S. 197/198)
7. Fazit
Ich komme zum Schluss:
Wer die biblischen Texte zum Thema Gemeinde aufmerksam liest,
steht vor der Tatsache, dass nach dem Zeugnis der neutestamentlichen Schriften
die Gemeinde Jesu auf Erden nur so lange diesen Namen tragen darf,
wie sie –
in dem ständigen Ringen um Identität und Glaubwürdigkeit –
Gottes in und durch Jesus Christus geheiligtes Gegenüber bildet
(Salz der Erde und Licht der Welt)
und folgende Merkmale aufweist:
-
Das Bekenntnis zu dem Dreieinigen Gott, zu Jesus Christus,
als dem einen Retter aller Glaubenden und Herrn der Welt;
-
Lehre und missionarische Bezeugung des Evangeliums Gottes von Jesus Christus;
-
die Taufe auf den Namen des Dreieinigen Gottes;
-
das Vergebung, Versöhnung und mit Jesus Christus Gemeinschaft stiftende Abendmahl;
-
die solidarische Lebensgemeinschaft der Glaubenden in Heiligkeit und Gerechtigkeit;
-
die Einhaltung des Gebotes der Gottes-, Nächsten- und Feindesliebe;
-
die Treue zur Bibel aus Altem und Neuen Testament und die Bereitschaft sich vor Gott in den Dienst rufen zu lassen
und auch ein Achten auf das Volk Israel in den heilsgeschichtlichen Zusammenhängen.
Diese Merkmale kommen nicht von selbst,
sondern müssen immer wieder neu errungen und erworben werden im gemeinsamen Fragen der Christen nach Gott:
„Was hast Du jetzt mit uns vor?“
Die erste Frage ist also nicht:
„Welche Struktur brauchen wir?“
sondern:
„Welches Ziel verfolgen wir, wenn wir im gemeinsamen Hören auf die Heilige Schrift fragen,
wie Gott sich seine Gemeinde gedacht hat?“
Ist das Ziel geklärt und eine Perspektive und Strategie gemeinsam entwickelt worden,
dann hat auch die Frage nach geeigneten Strukturen Sinn.